März 2026 / Digitalisierung, KI & IT-Sicherheit

Finnlands Erfolgsrezept für Innovation - Dr. Jan Feller im Gespräch

Finnland gilt als Vorreiter, wenn es darum geht, Forschung in marktfähige Innovationen zu überführen. Im Interview erklärt Dr. Jan Feller, welche Rolle Zusammenarbeit, Kultur und pragmatisches Denken dabei spielen und was Deutschland daraus lernen kann. Einblicke in ein Innovationsökosystem, das auf Offenheit, Praxisnähe und starke Netzwerke setzt.

Finnland gilt als besonders erfolgreich darin, Forschung in marktfähige Innovationen zu überführen. Was macht den Wissenstransfer zwischen Universitäten, Forschungsinstituten und Unternehmen hier so effektiv und was können andere Länder davon lernen?

Das stimmt tatsächlich, auch die etwa 300 deutschen Tochterunternehmen nennen als einen Standortvorteil Finnlands die guten Kooperationen mit Unis. Ich selber habe auch in Finnland studiert, und der Kontrast war gewaltig: Vom ersten Semester an hatten wir bereits Praxisprojekte mit Unternehmen. In Finnland werden jedes Jahr rund 20 Spin-off aus der universitären Forschung offiziell gegründet. Das klingt zunächst wenig, ist jedoch bei 5,6 Millionen Einwohnern pro Kopf sehr hoch. Hinzu kommen natürlich viele Gründungen, die nicht als offizielle Spin-off registriert sind. Deutschland kommt dagegen bei 83 Millionen Einwohnern auf „nur“ 100-150 offizielle Ausgründungen pro Jahr. Finnland hat die zweihöchste Rate in der EU an Studierenden in technischen Studienfächern. Und finnische Spin-offs aus der Uni sind überdurchschnittlich häufig Deep Tech getrieben, z. B. im Bereich Quantenphysik, Energie oder Materialien. Zudem sind die Netzwerke in Finnland recht eng beieinander, was Zusammenarbeit bei Innovationen extrem erleichtert.

Viele beschreiben Finnlands Innovationsökosystem als ungewöhnlich kooperativ. Liegt das an der Größe des Landes, an der Kultur – oder an bewusst gestalteten Strukturen?

Die Finnen gelten ja nicht gerade als besonders gesprächig (lacht). Aber das ist natürlich ein Stereotyp. Die wichtigen Institutionen und Unternehmen sind sehr gut miteinander vernetzt. Finnland ist zwar von der Fläche her so groß wie Deutschland, aber ansonsten eher vergleichbar mit Hessen, was Größe und Wirtschaftskraft angeht. Und ja, die Kultur spielt auch eine große Rolle: In Finnland herrscht eine Probier- und Prototyp-Kultur. Aus Deutschland kennen wir eher, dass beim Aufkeimen neuer Technologien gleich die Risiken und nicht so sehr die Chancen betont werden. Die Finnen sind dagegen sehr pragmatisch und offen für neue Ideen und Innovationen. Zudem hilft es sicher, als kleines Land das Gefühl zu haben, durch Zusammenarbeit etwas zu tun, um das Land voranzubringen. Es gibt aber auch bewusst gestaltete Strukturen, die aber nicht zwingend rein staatlich gestaltet sind: So schafft der Staat z.B. im Cybersicherheitsbereich Gruppen, in den denen sich Experten aus Unternehmen zum freiwilligen und vertraulichen Informationsaustausch treffen. Da helfen dann oft auch Wettbewerber einander bei Vorfällen, weil man Cybersicherheit eher als Gemeingut sieht und weniger als Vorteil im Wettbewerb.

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„In Bereichen wie Cybersicherheit helfen sich sogar Wettbewerber gegenseitig, weil man das Thema eher als Gemeingut und weniger als Wettbewerbsvorteil versteht.“

Viele internationale Unternehmen nutzen Finnland als Testmarkt für neue Technologien. Was macht das Land zu einem so attraktiven „Real-World-Lab“ für Innovationen?

Einige deutsche Unternehmen hier sagen, die Finnen sind „easy tryers and fast forgivers“. Die angesprochene Probier- und Prototyp-Kultur ist der Schlüssel dafür, dass Unternehmen hier ihre neuen Produkte effektiv entwickeln und testen können. Wo wir in Deutschland erst lange an einer Lösung sitzen, die dann 100% stimmt, gehen die Finnen die Problemlösung oft pragmatischer an. Finnland hat in Europa eine der höchsten Raten von IT-Experten auf dem Arbeitsmarkt. Dies nutzen deutsche Mittelständler, die hier z.B. IoT-Lösungen von IT-Teams entwickeln lassen. Zugleich treffen sie auf ein gutes Testfeld, nämlich potenzielle Kunden aus der Industrie oder Endkunden, die gleichermaßen offen sind, Neues auszuprobieren. So schaffen Unternehmen eine schnellere Produktentwicklung mit offenem Kunden-Feedback.

Nach der Nokia-Ära hat sich in Finnland eine dynamische Startup-Szene entwickelt. Wie ist dieser Wandel gelungen und welche Rolle spielen große Unternehmen wie Nokia, Kone, Wärtsilä oder Metso heute im Ökosystem?

Nokia war in den 2000er Jahren für Finnland vielleicht so wichtig, wie die Autoindustrie für Deutschland. Ich selbst habe 10 Jahre lang für das Unternehmen gearbeitet, und die Innovationskraft war schon beeindruckend. Finnland war damals führend in der Mobilfunk-Technik und hat den Handy-Markt entscheidend bestimmt. Bis das iPhone ab 2007 den Finnen den Rang ablief. 2014 wurden mehr als 10.000 Nokia-Mitarbeiter entlassen. Doch ihr technisches Know-how hat das Land nicht verlassen. Stattdessen haben sie bei anderen Unternehmen angeheuert und haben ihre Expertise eingebracht – oder sie haben selbst Unternehmen gegründet. Es gab ein Programm bei Nokia, bei dem man zwischen einer Abfindung, oder einem – höheren – Investment in ein zu gründendes Unternehmen wählen konnte. Letztlich ist damit aus dem einen großen Tech-Cluster Nokia ein ganzes Tech-Ökosystem geworden. Unternehmen wie Wärtsilä wiederum haben durch konsequenten Aufbau eines regionalen Innovationsökosystems für das Unternehmen die passende Umgebung geschaffen.

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Nokia Headquarter - Executive Experience Center

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IQM Finland

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VTT Technisches Forschungszentrum Finnland

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Dr. Jan Feller, CEO AHK Finnland | Deutsch-Finnische Handelskammer

„Die Finnen sind ‚easy tryers and fast forgivers‘. Die angesprochene Probier- und Prototyp-Kultur ist der Schlüssel dafür, dass Unternehmen hier ihre neuen Produkte effektiv entwickeln und testen können.“

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Finnland wird weltweit für sein Bildungssystem gelobt. Welche Rolle spielt dieses System konkret für die Innovationsfähigkeit des Landes – etwa bei Talenten für Deep Tech, KI oder Raumfahrt?

Finnlands Bildungssystem ist ja seit Anfang der 2000er berühmt, als die ersten PISA-Studien herauskamen. Was damals für Finnland galt, gilt teilweise auch heute noch: Finnische Schüler zeigen deutlich bessere Ergebnisse in Lesen und Naturwissenschaften als der Durchschnitt der OECD-Länder, in Mathematik liegen sie inzwischen nur noch im Mittelfeld. Besonders ist aber, dass auch sozioökonomisch benachteiligte Schüler in Finnland bessere Kompetenzen haben als in anderen Ländern.

Schon in der Grundschule bekommen die Kinder einen eigenen Rechner zur Nutzung in der Schule, und in manchen Fächern gibt es digitales Lernmaterial. KI wird in der Schule ausprobiert und es wird geübt, Prompts zu schreiben. Dadurch werden junge Finninnen und Finnen offen an digitale Themen und Anwendungen herangeführt. Allerdings wird auch in Finnland gerade ein Verbot privater Handys an Schulen eingeführt.

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Quellen

  • Bilder von oben nach unten: Dr. Jan Feller, Agustin Garagorry, NOKIA, Agnieszka Gaul_AdobeStock_261651684

Ansprechpartner:in

frank-irmscher-ihk-hessen-innovativ

Frank Irmscher

Innovationsberater
Frankfurt am Main

Telefon: 069 2197-1515
F.Irmscher@frankfurt-main.ihk.de

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